Augen-Scheinlich

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Anmerkungen zu den Arbeiten von Markus Jäger
Marc Gundel
Jede der Arbeiten von Markus Jäger ist das Ergebnis eines technisch, gestalterisch und zeitlich umfangreichen Prozesses. Darin kommen Fotografie, Computergrafik sowie Malerei und Zeichnung zum Einsatz. Mit dem Zugriff auf diese Werkzeuge, wie sie der Künstler nennt, reagiert Markus Jäger auf den veränderten Kontext, in dem die heutige künstlerische Arbeit erfolgt. …

I.

Jede der Arbeiten von Markus Jäger ist das Ergebnis eines technisch, gestalterisch und zeitlich umfangreichen Prozesses. Darin kommen Fotografie, Computergrafik sowie Malerei und Zeichnung zum Einsatz. Mit dem Zugriff auf diese Werkzeuge, wie sie der Künstler nennt, reagiert Markus Jäger auf den veränderten Kontext, in dem die heutige künstlerische Arbeit erfolgt. Seine Bilder führen nicht allein verschiedene Medien zusammen, sie sind ebenso Destillate aus Erinnerung und Gegenwart sowie aus Abbild und noch nie Gesehenem.

Am Anfang des Arbeitsprozesses stehen Fotos von Personen, die für Markus Jäger persönlich und durch ihre Beziehung zur Kunst interessant sind. In einem zweiten Schritt rechnet der Computer die eingescannten Daten der fotografischen Flächen um – das Spiegelbild der äußeren menschlichen Realität wird in ein maschinell reproduziertes und vergrößertes abstraktes Bild umgewandelt. Erst nach dieser Transformation greift Markus Jäger zu Tusche, Farbe und getontem Papier, und bearbeitet die Computergrafik manuell. Er ahmt die maschinelle Struktur so nach, daß aus den Blättern ein Ornament aus Linien, Punkten, Kreisen und Flächen entsteht. Das Verknüpfen der Einzelteile verleiht der Darstellung ein zusätzliches Muster aus Vertikalen und Horizontalen. Doch die Wirkung des Bildganzen ist ambivalent, da sie zwischen einem ornamental-abstrakten und diffus-gegenständlichen Eindruck pendelt. Je nach Annäherung an das Werk kann schemenhaft der Kopf erkannt werden, der zu Beginn von Markus Jäger mit dem Fotoapparat festgehalten wurde. Selbst bei konzentrierter Betrachtung sind Augen- und Mundpartien als die markantesten Stellen nur bruchstück-haft auszumachen. Aufgrund der Transparenz der Oberfläche und der filigranen Feinheit von Bild und Muster bleibt die Vielfalt der Quellen sichtbar, die die Darstellung bestimmen: Die Art und Weise der Herstellung bleibt dem Bilderlebnis eingeschrieben. Ebenso behalten Fotografie und Computer ihre Bedeutung als apparative Medien, denen Malerei und Zeichnung als Ausdruck körperlicher Existenz entgegenstehen. Die Arbeiten von Markus Jäger vermitteln keine Einsicht in das Wesen oder die Befindlichkeit des Gegenüber, und auch individuelle (Gesichts-)Züge verlieren sich in einer grauen Fläche. Die Hingabe an Kopf und Person bleibt äußerlich und buchstäblich oberflächlich. Doch das Ornamentale in den Bildern von Markus Jäger ist Verkleidung und bietet zugleich einen sinnlichen Einstieg.

II.

Die gegenwärtige Welt ist geprägt von einer Flut visueller Informationen, die aus allen Richtungen und unterschiedlichen Ebenen unablässig einströmen; das Auge ist heute das prominenteste Organ. Die ungeahnten Möglichkeiten, Bilder herzustellen und zu übermitteln, sagen jedoch nichts über den Willen aus, visuellen Daten Bedeutung zu verleihen. Im Gegenteil: je größer die Flut von Bildern, desto schwerer fällt deren Erinnern und Speichern; die Masse von optischen Eindrücken geht zu Lasten von Neugier und Intensität. In vielerlei Hinsicht können diese Erfahrungen auf die Arbeiten von Markus Jäger projeziert werden: auch sie sprechen primär zu den Augen und seltener zum Körper, auch sie pulsieren aus einer visuellen Vielfalt heraus. Daran war zu Beginn der 90er Jahre die Farbe noch maßgeblich beteiligt; sie zog die Aufmerksamkeit auf sich und hielt die Kompositionen zusammen. Damals ging es Markus Jäger darum, mit Hilfe von Schablonen den Eindruck einer stereotypen, austauschbaren (Menschen-)Masse zu erzeugen. Auch um die Aufmerksamkeit auf den Konflikt von Individuum und Masse zu lenken, hat er 1993 seine Bilder mit historischen Bezügen versehen, indem er Personen aus Kunst, Kirche und Gesellschaft wie etwa Martin Luther oder Albrecht Dürer abbildete. Diese Persönlichkeiten repräsentieren neben individuellem Schicksal auch Stand, Beruf und Geschichte. Nach dieser Werkgruppe hat sich der Schwerpunkt von Markus Jägers künstlerischem Tun verschoben und seine Bilder sind offener, aber auch vielschichtiger geworden. Obwohl er verschiedene Medien benutzt, versteht sich Markus Jäger unverändert als Maler. Das hat damit zu tun, daß Malerei und Zeichnung die Bilder verkörperlichen, ihnen Dauer und aufgrund der manuellen Herstellung Authentizität verleihen. Drei Ebenen seines komplexen Werkes seien exemplarisch herausgegriffen: eine gesellschaftliche, eine kunstimmanente und eine existenzielle.

Im Gegensatz zu früheren Werken wird der Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Masse differenzierter begegnet; sie wird am Beispiel des menschlichen Kopfes, also dem Merkmal von Einzigartigkeit schlechthin, durchgespielt. Die soziale und ethische Tragweite dieses Themas macht die Überlegung, worin sich „Individualität” zeigt und was sie bedeutet, wenn Lebewesen geklont werden können, anschaulich. Die Auflösung des Kopfes in Segmente und die Unmöglichkeit, einen „Überblick” über die Bilder von Markus Jäger zu gewinnen, kann ebenfalls auf gesellschaftliche Prozesse übertragen werden. Die Überzahl an Dingen verstopft den Alltag, zerfasert die Aufmerksamkeit und schwächt die Kraft, eine klare Linie zu finden. Immer mehr Wissen und Funktionen werden aus dem Menschen herausgefiltert, aber seine eigene Wahrnehmung verschwimmt. Parallel zu Spezialisierung und Ausdifferenzierung gehen Ordnung und Übersicht verloren, Maßstäbe geraten ins Schwanken, und es fällt immer schwerer, Zusammenhänge herzustellen. Der Gegenpol zur Zersplitterung des Geistes ist Einfachheit und (Selbst-)Beschränkung, denn ohne einen selektiven Umgang mit den Dingen bleiben nicht genügend Ressourcen, um das eigene Lebensprojekt adäquat zu bewältigen. Insofern handeln Markus Jägers Bilder auch von Einfachheit, beispielsweise in Form von leicht lesbaren Zeichen, und von Beschränkung zugunsten einer höheren Intensität.

Da die Arbeiten keine konkreten Einsichten vermitteln können, wird die Art und Weise der Transformation von Fotografie, Computergrafik und Zeichnung umso bedeutsamer. Indem der Künstler nur das manuell interpretiert, was bereits Abbild ist, sagt er sich von einer direkten Beziehung zur Wirklichkeit los und thematisiert das Verhältnis von Original und Reproduktion. Gleichzeitig beschreibt er die Zwangsläufigkeit, mit der wir unsere Wahrnehmung linear oder hierarchisch in (Motiv-)Reihen organisieren. Markus Jäger entlarvt die Wahrnehmung, die davon ausgeht, daß das Bild etwas zeigt, was außerhalb seiner besteht. Dagegen setzt er Bilder, die nicht das fotografische Vorbild abbilden, sondern den Entstehungs- prozeß und das Reproduktionsverfahren, und damit das Sehen als fundamentalen Orientierungsakt menschlicher Existenz ausweisen.

Und schließlich setzen die Kunstwerke einen Diskurs über Sinn und Bedeutung in Gang. An wen richten sie sich, für wen sind sie bestimmt und welche Funktion erfüllen sie? Ist Kunst nicht die Antwort auf die ewig gleiche Frage des Menschen, „endlich immer wieder” (Peter Handke), die jedoch nie gleich ausfällt, da sie sich stets anderen Bedingungen gegenüber sieht?