Künstlerhaus Karlsruhe 2008 PDF Drucken E-Mail
Einführungsrede zur Ausstellung mit Werken von Gerold Bursian und Markus Jäger
am 20. Januar 2008 im Karlsruher Künstlerhaus
Lothar Rumold

... Wenden wir uns nun den Arbeiten von Markus Jäger zu. Bei seinen Porträts, etwa dem von Boris Groys, sind Ähnlichkeiten mit der lebenden Person durchaus beabsichtigt, zugleich wird das leichte und trivial-eindeutige Wiedererkennen systematisch verhindert. Markus Jägers Porträtarbeiten basieren auf Fotografien, sind aber das Gegenteil von Momentaufnahmen, denn sie zeigen das überzeitliche Potential eines Gesichtes eher als dessen Erscheinungsbild zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Für die Porträtarbeiten gilt: aus der Ferne sieht man etwas anderes als aus der Nähe - ohne dass jedoch gesagt werden könnte, welcher messbare äußere Abstand der "richtige" ist. Denen, die unbedingt wissen müssen, mit was für einer Art von Kunst sie es gerade zu tun haben, macht Markus Jäger es daher nicht leicht. Aus fünf Metern Entfernung handelt es sich bei seinen Porträts um illusionistische Malerei, tritt man aber näher heran, werden daraus chaostheoretisch inspirierte Landkarten. Auf die Gewissensfrage von 1969: "Landschaft oder Porträt", hätte er also wahrheitsgemäß mit "ja" antworten müssen. Das Wiedererkennen wie auch dessen Erschwerung - beides erzeugt Markus Jäger, indem er "computiert", wie er sagt. Das heißt, indem er mit und ohne Computer wie der Computer arbeitet, indem er Pixeläquivalente schafft und diese zu Bildern verdichtet, dabei aber Mensch, also Quelle von Fehlern und Unregelmäßigkeiten bleibt. In Groysscher Diktion, um diesen lesenswerten Medientheoretiker nochmals zu erwähnen, könnte das ungefähr heißen: Jäger leistet die Analyse oder Freilegung der comupterspezifischen Bildproduktion, indem er diese handschriftlich rekonstruiert.

Ich weiß nicht, wen oder was er noch sammelt. Aber Markus Jäger sammelt vor allem auch Markus Jäger. Als Sammler und Archivar seiner eigenen Arbeiten betreut er seine Sammlung nicht kuratorisch konservativ sondern künstlerisch offensiv mit Schere, Klebstoff und Farbe. Denn betreuen heißt in diesem Fall selektieren, dekonstruieren und rekonstruieren: verändern, überarbeiten, zergliedern und wieder zusammenstückeln, eingehen lassen in neue, aktuelle Kontexte. Aus Büchern werden Bildobjekte, aus Bildern Objekte oder neue Bilder. Jägers Archiv samt Archivar ist ein dynamischer Apparat, der unter Verwendung von Werken Werke generiert. Seiner Verantwortung für das eigene Erbe wird der Künstler gerecht, indem er es zerstückelt und übermalt - und dies nicht wie vor Jahren mit "schönen" Farben, sondern mit recht profanen Substanzen aus dem Baumarkt. Malerische Könnerschaft sei ihm heute nicht mehr so wichtig, sagt er, wohl aber Integrität und innere, konzeptuelle Stimmigkeit.

So gibt es zwischen Bewahren und Zerstören keine klare Trennung. Markus Jäger bewahrt, indem er zerstört, denn die bloße Konservierung würde womöglich einer Zunichtemachung anderer Art gleichkommen. Nichts ist so tot wie eine überlebte künstlerische Haltung beziehungsweise ein Bild, in dem sich diese manifestiert. Die von Philipp Blom in einem "Zeit"-Artikel kürzlich geforderte neue historische Kontinuität liegt bei Markus Jäger als werkimmanente Qualität durchaus schon vor. Er entgeht so jener, ich zitiere Philipp Blom, "seltsamen[n] Brühe aus konzeptueller Beliebigkeit und archivarischer Nekrophilie, in der wir seit Jahrzehnten köcheln". Jägers Schere wird zu einer Art Geburtszange am Beginn eines zweiten oder gar dritten Bilderlebens. Stirb, um zu werden: Neben dem Phönix aus der Asche steht also auch das neue Werk aus den Bestandteilen des alten sinnbildlich für ein auf Dauer gestelltes Dasein.

"Ein zerschnittenes und zerbröseltes Leben, das immer wieder versucht, Form zu finden." So Markus Jäger über Markus Jäger. Damit ist, wenn nicht schon alles, so doch vieles gesagt. Formfindung vollzieht sich vor dem Scherbenhaufen - und wo nicht das Leben selbst das Porzellan zerschlagen hat, da muss der Künstler das selber machen. Ohne vorheriges Zergliedern keine Möglichkeit des Neu-Zusammenfügens, ohne Bröselartiges keine Möglichkeit der Durchdringung.

Warum dabei immer wieder Porträts entstünden, habe ich ihn gefragt. Weil er ein Kopf-Jäger sei, hat er mir sinngemäß geantwortet. Der Kopf ist ihm pars pro toto, steht für die menschliche Begegnung in den Büchern und im Leben. "Jetzt hab ich dich", sagte er beinahe triumphierend, als ich mich mit der in sein Notebook eingebauten Kamera fotografiert hatte.

Lothar Rumold