PROJEKT ANTIKENSAMMLUNG

08-12 / 2019

Der Mythos ist das alte Unheil, das uns Freude macht
„Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte“, notiert Goethe unter dem 13. März 1787. Mit dem Unheil, das den Nachkommen viel Freude gemacht hat, meint er den Untergang der Stadt Pompeji im ersten nachchristlichen Jahrhundert. Gleiches kann man auch in Bezug auf die Inhalte der mythologischen Überlieferung sagen, wenn man bereit ist, unter die Geschehnisse der Welt auch die halb oder ganz erfundenen zu zählen. Im Mythos ist das älteste Unheil auf eine Weise konserviert, die uns Freude macht. NACH MYTHEN Lothar Rumold, 2019

 

01-07 / 2019

Es atmet durch mich, also bin ich
Im Anfang war übrigens ein einziges Chaos. Aber als es in diesem form- und gestaltlosen Nichts zu atmen begann, entstand bei jedem Ausatmen der Himmel und bei jedem Wiedereinatmen Zug um Zug die Erde. So etwa könnte es gewesen sein. Ein folgenreicher Anfang war demnach erst gemacht, als das Atmen zu atmen begonnen hatte und damit Gaia, die Erde war, die beim Ausatmen über sich den Himmel Uranos exspirierte oder auch gebar. Als alles anfing, war es mit der Gestaltlosigkeit vorbei. Und mit dem Ende der allgemeinen Formlosigkeit begann das fortan Strukturierte sein Eigenleben zu führen, wovon sich Geschichten erzählen lassen. Der mythische, der erzählbare Kosmos ist der Kosmos der zu atmen begonnen hat. NACH MYTHEN Lothar Rumold, 2019

 

11 / 2018

Die Götter im Hades zu Paris
Es war einmal eine Göttin, deren steinernes Bildnis stand auf der Insel Samos oder einer anderen der vielen griechischen Inseln. Vielleicht auch in Syrakusai auf Sizilien oder irgendwo in Kleinasien. Und wenn die Ortsansässigen in Gleichnissen sprachen, dann wurde regelmäßig ihr Name genannt. Heute sieht sie sich in Gestalt ihres in Marmor gehauenen Ebenbilds in die Katakomben des Pariser Louvre versetzt. Sie steht dort eingereiht in die Warteschlange einer kleinen, musealen Ewigkeit zusammen mit anderen Göttinnen und Halbgöttern. Jeder kennt hier jede, meist ist man miteinander verwandt, viele verband einst eine innige Feindschaft, die hier aber keine Rolle mehr spielt. Denn sie alle treten nur noch in einer einzigen Rolle auf, nämlich in der des historischen Kulturguts, das darauf wartet, restauriert oder ausgeliehen oder exhibiert zu werden. Missbrauch folgt auf Missbrauch. Es geht ihnen im Museum nicht viel anders als den Tieren der afrikanischen, arktischen oder sonst einer Wildnis in den Exponat-Gehegen der sogenannten Zoologischen Gärten. Freiheit, Ansehen, Anbetung und Würde – das war gestern. Heute ist Kultur. NACH MYTHEN Lothar Rumold, 2019

 

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